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Nov 2010
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Die alte Lässigkeit bewahrt

Die alte Lässigkeit bewahrt


Kommz- Besucher spielen mit Vorurteilen - Polyzei und Drogenfahnder

Sie beugt sich über das Waschbecken, verjagt den Schweiß auf der Stirn mit kühlen Spritzern. Jetzt, da ersehnte Dämmerung die Sonne eines traumhaften Sommertages schluckte, glüht ihre Jeansjacke immer noch von der Mittagshitze. Waschmaschinenfest aufgenäht steht auf ihrem Rücken eine handfeste Lüge zu lesen: Drogenfahndung, weiß auf blau.
Und die junge Dame ist nicht alleine mit ihrer selbstironischen Beschriftung auf dem Aschaffenburger Kommz- Festival im Nilkheimer Park. Denn die Kommz- Besucher spielen mit dem Image, das die Veranstalter un den Augen derer genießt, die nie wirklich dabei waren.
Ein Mann tritt unter schwarzen Baumskeletten hervor, hinein in das Lichtermeer rötlicher Fackeln vor der großen Musikbühne. Im Hellen lauchtet sine froschgrünes T- Shirt, Polizei blitzt darauf in weißen Buchstaben.
Seine Silhouette schwindet wieder im Dunkeln, als er den sandigen Pfad verläßt, der mitten durch trommelnde Afrikaner und indische Bauchläden zu den Informations- Ständen caritativer Organisationen führt. Zwischen amnesty international und Kinderbastelgruppen zwängt sich der Stand eines kleinen Magazins für heimliche Dichter und Denker: Zum ersten Mal buhlt die Zeitschrift Polyzei auf dem Kommz um Leser, doch auch der Titel birgt mehr Sprachgestalt als Staatsgewalt.

Gepflegte Gammelei

Wer sich nie am späten Abend der gepflegten Gammelei im Nilkheimer Park ergab und den Duft der Sommerluft schnupperte, könnte meinen, beim Kommz geselle sich immer noch eine Clique nostalgischer Achtundsechziger und erklärte die Wiese zum rechtsfreien Raum.
Doch treffen dort langhaarige Österreicher in legerer Kleidung (auch die gibt es) auf lustige Münchnerinnen mit eleganten Handtaschen - keinem scheint der Weg zu weit, um mit Zelt und Schlafsack an den Untermain zu pilgern.
Die Atmosphäre der ersten Stunden hat sich das Festival bewahrt; es ist lässig geblieben und fern jeder Bürgerlichkeit, und die meisten der Besucher gäben bestimmt nichts darum, dem Finanzminister einmal die Hand zu schütteln - manchen Betrachter mag das ein wenig verwegen erscheinen.
Dabei ist das Kommz eine im Grunde durch und durch familiäre Angelegenheit, ebenso heiterer Kinderspielplatz wie alljährlicher Treffpunkt für Scharen von weit angereisten Freunden, die irgendwann einmal in Aschaffenburg gemeinsam zur Schule gingen - und sei es eben doch in den sechziger Jahren.
Freilich, Atemberaubendes passiert dort immer noch, vernebelt von den dichten Rauchschwaden: So ließ sich am Samstag mit neugierigem Blick über den Zaun ein Auge auf die Kunststücke des Jomamakü werfen, dass nicht nur in dem charmantesten Gefährt (einem kleinen gelben Wohnwagen) angereist war, sondern auch mit einem Feuerwerk und dem spektakulären Jonglieren brennender Fackeln für Aufsehen sorgte. Soviel wird verraten: Die bessere Sicht hatte, wer sich hineintraute und einfach mitfeierte.

Urban Ordner
Main-Echo 1989
 




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